Wolfgang Melzer

Rednerladen

Wolfgang Melzer


Das Buch des Schweigens

Erzählungen

 

BoD - Books on Demand Norderstedt 2014

208 Seiten, Paperback

13,50 Euro

ISBN 978-3-7357-6294-8


Überall im Buchhandel. Am schnellsten aber hier.
(Dort kann man auch einen Blick ins Buch werfen.)

 


Ein Eigenbrötler, der sich mit einer unlösbaren Aufgabe abplagt, eine Pubertierende, die sich auf mehr einlässt als sie überblicken kann, eine Dichterin auf der Suche nach der richtigen Liebe, die Spielzeugmacherin, die von einem Säufer erweckt wird.
Mit Hintersinn und Humor bezeugen die Geschichten, dass jeder Mensch das Zeug zum schrägen Vogel hat.


"Es ist erstaunlich, mit wie viel erzählerischer Fantasie Melzer ... die Handelnden aufeinander loslässt. ... Was linear berichtet wird, hat Hintersinn, der sich erst nach dem Buchzuklappen erschließt. ... Das sind zwölf Geschichten nicht zum Schweigen, sondern zum Drüberreden."                                                                                             
Sächsische Zeitung


Trailer zum Buch











Leseprobe

Der Waldmensch

Zacharias Mehlhorn, den seit dem frühen Morgen das Gefühl verfolgte, heute in etwas Außergewöhnliches verwickelt zu werden, ohne dass er zu einem Urteil gekommen wäre, was er davon halten sollte, stand schon geraume Zeit vor der Glasscheibe und schaute auf einen rothaarigen Orang Utan hinab.
Der hockte auf der anderen Seite der Scheibe und tat eigentlich gar nichts.
Auf einem der Schilder, die man unter der Scheibe an die Mauer geschraubt hatte, las Zacharias, dass der Affe Dieter hieße und von Sumatra stamme.

Dieter hatte links und rechts am Kopf, dort, wo man die Ohren vermuten musste, zwei unvorteilhafte nackte Wülste, so dass sein Gesicht kreisrund und flach war, was von dem höckerartig vorspringenden Gebiss mehr betont als gemildert wurde. Die Haut der Wülste und überhaupt des ganzen Gesichtes war schwarz und wirkte ledern. Mitten darin steckten zwei kleine Augen wie Löcher in einem Mantelknopf. Aus diesen eng stehenden Knopfaugen stierte der Affe seinerseits Zacharias an, oder vielmehr durch ihn hindurch. Der Blick sprach von Wehmut, von stummer Verzweiflung und wirkte doch zu hochmütig, als dass sein Absender jemals irgendjemanden geradeheraus um Hilfe bitten würde. Dieselbe verkappte Melancholie kannte Zacharias von sich selbst, wenn er einmal im Monat das Bordell besuchte, getrieben von einer unklaren Hoffnung auf Erlösung, von welcher er sich im selben Atemzug jedoch wiederum nicht allzu viel versprach, ja, vor der er sich beinahe fürchtete.

Glaubte man dem Schild an der Wand, waren sie beide fast gleich alt, der Orang und er. Nur zwei Monate auseinander. Aber so illusionslos, wie er hinter der Scheibe ins Unergründliche glotzte, hätte Dieter ebenso gut hundertzwanzig sein können.

Ein Waldmensch dachte Zacharias.

Die übrigen Affen erklommen die Kletterbäume, pendelten an ihren überlangen Armen von Ast zu Ast, lausten sich gegenseitig das Fell, durchstreiften auf allen Vieren halb aufrecht das Gehege auf der Suche nach Essbarem oder nach Abwechslung. Alles in der gemächlichen Gangart  ihrer selbstgewissen Spezies. Nur wenn es zu Streitereien kam, zeigten sie, dass sie auch anders konnten, sie richteten sich auf, fletschten die Zähne und schlugen mit meterlangen Ästen zornig um sich, dass das Krachen durch die Scheibe zu hören war. Dieter war anders. Er saß jeden Tag in derselben Haltung auf demselben Fleck hinter der Scheibe als meditierte er. ...