Wolfgang Melzer

Rednerladen

Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.


25. Oktober 2016, 10:23

Dynamo und der Liebe Gott

Geschmack gehört nicht zu den Kerntugenden eines Fußballfans. Ebenso wenig Selbstironie oder Sprachgefühl. (Ist ja nun wirklich auch nicht Pflicht!) Deshalb muss man wohl die Choreografie des Dresdner Fanblocks für treuherzig und also wörtlich nehmen. Die meinen das so!

Ich frage mich also: Was wollen die Fans im K-Block uns sagen, wenn sie Dynamo als Heiligtum bezeichnen und einen Hardcore-Fan als zweite Fleischwerdung Jesu inszenieren? Natürlich ist die zweite Feststellung keine Faktenaussage, sondern Interpretation, die den Akteuren wahrscheinlich eher fern lag. Dafür spricht, dass die Dresdner Fußballanhänger bislang weder als besonders bibelkundig noch als sonderlich gottesfürchtig hervorgetreten sind. Ich muss meine Beschreibung tiefer hängen. Aber, so tief ich sie auch hänge, es bleibt immer ein irgendwie spiritueller Kern. Der Ultra wird in die Nähe von Jesus gerückt. Mindestens dies.

Wie ich es auch drehe: Jede Lesart der „Hammer-Choreo“ (Bild-Zeitung) erzählt von der Sehnsucht nach dem Transzendenten und vom Bedürfnis, daran teil zu haben, um sich selbst zu erhöhen. Sie ist ein Akt der Rückverzauberung der Welt, wenn auch auf dem Niveau des Marketingtricks. Es ist eine Art Selfie-Religion, in der der Glaube die Gottheit erschafft. Man kann darüber lästern, man kann abwinken, übersieht dann jedoch schnell, dass sich hier eine Sehnsucht nach dem Großen, dem Höheren Bahn bricht, die in unserer Gesellschaft verbreiteter sein dürfte als uns täglich bewusst wird. Es ist eine bestenfalls vor-rationale Sehnsucht, die von der (auch nur scheinbar rationalen) Kälte von der nüchtern ökonomisierten Moderne des Kapitalismus die Nase voll hat, zumal diese den meisten nicht mehr Heil verspricht, sondern mit Abstieg droht. Als Sehnsucht ist sie dennoch ernst zu nehmen, auch wenn sie bei der Objektwahl auf das Niveau der Fußballerwade herabsteigt. Gläubigkeit wölbt sich über die gnadenlos banale Tätigkeit des Ballschubsens, der eigentlich jede existenzielle Dimension abgeht und die überdies austauschbar ist. Eigentlich! Tatsächlich sitzt man dann im Stadion und meint, das Numinose zu spüren.

Wenn Religion Opium für das Volk ist, dann sind solche Choreografien etc. das Methadon derer, die am Entzug leiden. Es ist eine Religion, die sich im Ritus vollständig erschöpft. Ein Ersatz, wie er geistloser kaum sein kann. Man ist Anhänger, Jünger und Stifter zugleich. Und glaubt inbrünstig . Glaubt um zu glauben.
Welche Gefahren in dieser Anordnung lauern, möge sich jeder selbst ausmalen.

Redakteur

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24. Juli 2016, 09:08

Neulich auf dem Baselitz-Rundweg

Weimar hat Goethe und das Sommerhaus an der Ilm, Kamenz hat Lessing und Lessing-Törtchen, Deutschbaselitz hat Hans-Georg Kern und einen Baselitz-Rundweg. Der hat seinen Namen nun nicht daher, dass er rund um den Ort gleichen Namens führt, sondern von dem Maler, der als Georg Baselitz zu Ruhm gekommen ist. Ein Künstler-Weg also. Wer ihn abspaziert, wie wir es neulich taten, trifft hier und da auf gelbe Markierungen, die auf Landart-Objekte hinweisen. Manche davon sind trotzdem nicht mehr zu finden, überwuchert. Andere halten noch stand, aber auch für sie ist die Prognose schlecht. Die Natur holt sich das Gelände zurück.
Hat eben kein Kunstverständnis, die Natur.

Anders die heimische Bevölkerung. Sie sorgte für den Höhepunkt unseres Spaziergangs, indem sie das abgebildete Kunstwerk schuf. Wir gaben ihm den Titel „Gerahmter Mist“ und ich zeige es hier in der berühmten Baselitzmanier. Wer es sehen will, muss auf den Link klicken oder nach Deutschbaselitz eilen, denn bald landet der Dung auf dem Feld und auch dieses Werk vergeht.

Gerahmter Mist.jpg

Redakteur

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04. Mai 2016, 10:02

Mein Gott, fast ein Jahr kein Eintrag!

Gelebt habe ich natürlich trotzdem. Könnte ich sonst heute weiterschreiben?
In Zukunft wird es wieder mehr Beiträge auf diesem Blog geben, mein Buch ist fertig. Darin geht es um den Görlitzer Schuster und Philosophen Jacob Böhme. Und wer je ein Buch von Böhme in der Hand hatte, weiß: Das braucht seine Zeit.

Heute nur ein Lebenszeichen aus meinem Sudelbuch:
Die meisten scheinen zu glauben, sie würden im Tode daliegen und denken: "Scheiße! Ich hatte noch so viel vor."

Redakteur

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17. Juni 2015, 08:36

Im Café geschrieben

Es ist ja nie ein Fehler, nicht auf andere zu warten, sondern seine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Nicht von ungefähr sagt das Sprichwort: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!
Es brauchte eine Weile und eine verlässliche Stichprobe an Selbsterlebtem, heute sagen zu können, dass die polnische Gastronomie zumindest in Teilbereichen nach diesem Grundsatz funktioniert.
Man betritt ein Café oder ein Restaurant und sucht sich einen Platz. Nach kurzer Zeit bringt die Kellnerin die Karte, nimmt dann die Bestellung auf und serviert nach angemessener Zeit das Gewünschte. So weit, so gewohnt.

Ab jetzt wird es jedoch spezifisch polnisch. Die Bedienung betrachtet ihre Aufgabe als erledigt, sie lässt sich am Tisch nicht mehr blicken. Sie läuft kreuz und quer durch das Lokal, lässt ihre Blicke aber nicht über ihren Bedienungsbereich schweifen und schon gar nicht zu dir, sondern eilt mit Tunnelblick von A nach B. Und das auch dann, wenn das Lokal ansonsten leer ist.
Wegen dieser Gepflogenheit ist das polnische Café das Paradies für den Gast, der sich für kleines Geld im Warmen aufhalten und in Ruhe ein Buch lesen will. Er kann dort das Buch sogar schreiben, so wird er in Ruhe gelassen. Noch nie habe ich so lange unbehelligt vor einer leeren Kaffeetasse gesessen wie in meiner Zeit hier in Polen. Keine Rede von irgendeiner Art von Hektik. Kein Nachfragen, ob man weitere Wünsche hätte, erst recht nicht die US-amerikanische Variante des Rausschmisses, indem man gefragt wird, man wolle doch jetzt bestimmt die Rechnung. Hier gilt nach der ersten Tasse Kaffee und dem ersten Stück Kuchen: Wenn du etwas erledigt haben willst, mach es selbst.

Ich habe polnische Bekannte gefragt, ob das typisch sei. Sie haben den Kopf gewiegt und gemeint, es sei eher ein Zeichen von Lustlosigkeit des Personals in dem jeweiligen Etablissement. Ich bin nicht sicher, ob ich das glauben kann.

Redakteur

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05. Juni 2015, 11:06

Nachtrag zur Fronleichnams-Prozession

Die Prozession zeigte noch eine andere Farbe, die ich wenigstens kurz erwähnen will.
Der oben beschriebene Altar auf dem Marktplatz war unter anderem mit jungen Birken geschmückt. Dies sprang mir aber erst ins Auge, als die Würdenträger, der Baldachin und die Kapelle sich davon entfernt hatten. Denn jetzt sprangen Jung und Alt auf das Podest. Dort knickten sie und zerrten sie Zweige von den Birken, bis diese kahl gerupft und gefleddert dalagen. Die Szene erinnerte mich an den Sommerschlussverkauf früherer Zeiten. Es war als hätten die Leute einen Deal mit dem Lieben Gott: Sie kamen zur Prozession und bekamen zum Lohn einen Zweig geweihte Birke fürs Heim.
Ich ging von hinnen und verstand jetzt besser, wovon Böhme schreibt, wenn er die Leute der Äußerlichkeit bezichtigt.
Andererseits: Auch Agnostiker brauchen hin und wieder eine äußere Stütze für ihren Glauben. Krücken sind menschlich.

Redakteur

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05. Juni 2015, 10:14

Transsubstantiation in der Praxis oder Gesslers Hut in Liegnitz

Ob es eine Welt der Ideen wirklich gibt und wie man sich deren Existenz vorzustellen hat, ist eine durchaus umstrittene Frage.
Aber nicht für jeden, wie ich an Fronleichnam in Legnica sehen konnte. Auf dem Weg zum dortigen Marktplatz gemahnte mich ein Altar unter freiem Himmel des Feiertags. Leute standen wartend herum, also blieb ich auch stehen. Ein wenig verschämt, wie ich zugebe, bleibt doch dem Agnostiker angesichts religiöser Bräuche und Riten nur die Rolle des Anthropologen. Die Gefahr war groß, wie ein Missionar des 18. oder 19. Jahrhunderts verständnislos die als absonderlich empfundenen Verhaltensweisen zu Protokoll zu nehmen. Aber nun stand ich hier und kam nicht recht weiter, denn inzwischen verstopfte die Menge den Zugang zum Markt und neugierig war ich außerdem.

Dann ging es los. Blechbläser spielten, ein Baldachin schwebte über den Köpfen, ein Kantor sang in ein Mikrophon. Gleichmäßig verteilt trugen junge Männer an langen Stangen Lautsprecher, aus denen der Gesang über die Menge hallte. Aber ich will nicht den Verlauf der Prozession schildern, sondern auf die Ideenwelt zurückkommen. Vermutlich gibt es sie doch.
Drei Beobachtungen lassen mich das glauben.
Da war zunächst der Moment, da die Monstranz auf dem Marktplatz vorge-
zeigt wurde. Viele der Versammelten gingen auf die Knie. Und gerade weil es nicht alle waren, wirkte der Kniefall nicht einstudiert oder gewohnheits-
mäßig. Die Leute meinten wirklich die Hostie oder richtiger: Jesus. Ihre Inbrunst war nicht zu übersehen, wenn auch nicht ungeteilt.
Dasselbe wiederholte sich an späterer Stelle. Hier gingen die Menschen auf die Knie, solange die Monstranz an ihnen vorüber getragen wurde. Wiederum nicht alle und wiederum viele in echter Ergriffenheit. Dies wirkte noch stärker auf mich, weil es spontaner geschah, weniger protokollarisch.

Der Streit zwischen den Kirchen dreht sich ja wesentlich um die Art von Christi Präsenz beim Abendmahl. Strittig ist die Frage: Hat das Brot sein Wesen (nach Aristoteles: seine Substanz (1)) geändert und nur die Akzidenzien wie Geschmack, Konsistenz usw. beibehalten oder nicht? Solche scholastischen Spitzfindigkeiten schienen bei den Gläubigen keine Rolle zu spielen. Zumindest für diejenigen, die nicht einfach machten, was verlangt war, war Jesus da. Auf welche Weise er anwesend war, hätten sie wahrscheinlich kaum sagen können.

Die dritte Beobachtung liegt gänzlich außerhalb des Protokolls und hat mich fast noch mehr beeindruckt. In einem kleinen Park an der Kirche „Peter und Paul“ steht ein Denkmal. (Sehr wahrscheinlich zeigt es Johannes Paul II. Das ist aber nicht ausschlaggebend.) Ein älterer Herr spaziert durch den Park. Am Denkmal zieht er die Mütze ab. Ein paar Meter weiter setzt er sie wieder auf.

Es erheben sich Fragen: Wen hat er gegrüßt? Die Bronzefigur? Den Papst? Wieviel Substanz vom Papst steckt in der Figur?
Der einzige Reim, den ich mir darauf machen kann, ist: Der Mann hat die geistige Substanz Wojtylas getroffen, gespürt, gesehen, gegrüßt und seiner Verehrung Ausdruck gegeben. Was Wilhelm Tell einst verweigerte, tat dieser Mann freiwillig, ohne Zwang. Mehr Platonismus geht kaum.

(1) „Substanz“ hat hier nichts mit „Stoff“ zu tun, sondern meint den wesentlichen Gehalt einer Sache wie in der Redewendung vom „substanzlosen Vortrag“.

PS: Für Alina, die es nicht anders wollte!

Redakteur

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26. Mai 2015, 09:26

Verstecktes Weltkulturerbe in Jauer

Ich war in Jawor (Jauer), um die dortige Friedenskirche zu besichtigen. Sie ist eine von drei Kirchen, die die Protestanten nach dem 30-jährigen Krieg im katholischen Schlesien bauen durften. Allerdings mit Auflagen:
Sie musste in einem Jahr gebaut werden.
Es durften keine Steine verwendet werden.
Die Kirche durfte nicht als solche zu erkennen sein.
Der letzte Punkt wurde so getreu erfüllt, dass ich Schwierigkeiten hatte, diesen – mit 3000 Sitzplätzen nun wirklich nicht kleinen - Bau zu finden. Später merkte ich, dass ich praktisch immer darum herum gelaufen war.
Um das herauszufinden, musste ich mir erst im Touristenbüro einen Stadtplan besorgen. Bessere Polnisch-Kenntnisse hätten auch geholfen, waren aber so schnell nicht machbar.
Auf der Suche nach der Kirche hatte ich von verschiedenen Blickwinkeln aus in den Friedenspark gespäht – umsonst. Wenn ich schon mal einen Zipfel der Kirche gesehen hatte, hatte ich sie nicht erkannt. So wenig entsprach sie meinem Suchbild. Auf den Postkarten war sie immer vollständig zu sehen. Wie sollte ich ahnen, dass dies die einzige Ansicht vom Ganzen ist, die außerdem nur von einem kleinen Fleckchen im Park aus zu sehen ist.

Also, Wanderer, kommst du nach Jauer, um die Friedenskirche zu sehen, nur frisch hinein in den Park und du wirst sie finden!

Für einen Eindruck jenseits der Postkarte den Link anklicken.

Wo ist die Kirche.JPG

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25. Mai 2015, 19:54

Hundeleben in Polen

Eine der wunderlichsten Erscheinungen meines schlesischen Aufenthaltes sind die Hunde, die hier allenthalben herum laufen. Dem Anschein nach auf eigene Rechnung, denn sie tragen weder Leine noch Halsband, noch ist ein menschlicher Besitzer zu sehen. Wie gesagt: Man trifft sie überall.
Einer liegt zu Beispiel gerne vor dem Supermarkt, in dem ich einkaufe. Er ist keineswegs ein Streuner oder Ausreißer, er gehört zu einem Haus auf der anderen Straßenseite. Die Straße ist zwar kleinstädtisch, dafür aber ziemlich befahren. Genauso der Parkplatz. Der Hund scheint genau zu wissen, wo für einen wie ihn Platz ist. Er liegt neben den Einkaufswagen oder auf einem schmalen Streifen Wiese, wo kein Auto fährt. Dort empfängt er auch befreundete Artgenossen von irgendwoher zu einem ruhigen Spiel. Um die Menschen kümmert er sich nicht.

Ähnlich phänomenal verhält sich ein kleiner Hund in Agnetendorf, den ich täglich bei seinen Inspektionsgängen beobachte. Er geht diszipliniert am Straßenrand, begleitet Mensch seiner Wahl gelegentlich ein Stück Wegs, hat dann aber wieder anderes zu tun und eilt auf kurzen Beinen davon. Niemanden scheint es zu beunruhigen, wenn der Hund durch das Revier streift. Ich bin durch Dörfer gefahren, an deren Ortseingangsschild vor Hunden auf der Fahrbahn gewarnt wurde. (Leider habe ich kein Foto davon geschossen, so dass dies nur eine begründete Vermutung ist. Es könnte – im unwahrscheinlichen Fall – auch bedeutet haben, Hunde seien an die Leine zu nehmen.​)

Ist das nun der Fatalismus der Polen (Klappt’s – gut. Klappt’s nicht – auch gut.​) oder Ausdruck der Tierliebe, die das Tor offen lässt, damit der Hund etwas hat vom Hundeleben. Mit der sehr erwachsenen Formel im Hinterkopf: Mach, was du willst, aber mach es auf eigenes Risiko.

Hund im Dienst in Agnetendorf.JPG

Redakteur

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20. Mai 2015, 17:11

Flache Spuren einer Ausstellung

Letztes Wochenende eröffnete hier im Gerhart-Hauptmann-Haus Jagniątków eine Ausstellung mit dem Titel „Deutsche Spuren in Niederschlesien“.
Was ist zu sehen?
Ein Fotograf hatte sich aufgemacht und nach deutschen Spuren im polnischen Niederschlesien gesucht. Schon diese Aufgabenstellung macht die Ausstellung bedeutungsvoll, denn Fragen dieser Art sind noch nicht so sehr lange möglich. Noch immer nähern sich Deutsche wie Polen diesem Teil der Geschichte sehr vorsichtig. Das drückt sich auch – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in der Ausstellung aus.
Sie hat eine merkwürdig eingeschränkte Auffassung davon, was eine Spur ist. Spur ist für sie nur, wo es sozusagen draufsteht. Wir sehen fast ausschließlich Bilder von Beschriftungen. Im Extremfall wird die Beschriftung mit der Spur gleichgesetzt. Beispiel dafür ist das Jugendstilkaufhaus in Jelenia Gora. Vom Haus zeigt die Ausstellung nur den Teil einer Giebelwand mit der Aufschrift „Kaufhaus R. Schüller“.

Semiotisch gesehen ist eine Aufschrift die Be-Zeichnung des Objektes, ein Zeichen, das auf ein konkretes Objekt referiert. Sie ist kein Objekt aus eigener Kraft, sondern inhaltslos, wenn das Bezeichnete nicht existiert. Sie gibt dem Objekt einen Namen, damit man darüber sprechen kann – wohlgemerkt: Über das Objekt, nicht über die Beschriftung! Kurz gesagt: Die Beschriftung verweist auf ein Objekt, das seinerseits die eigentliche Spur ist. Oder anders: Das Haus ist als Spur auch ohne Beschriftung denkbar, die Beschriftung ohne Haus nicht.
Eine Beschriftung kann auch aus eigenem Anspruch zur Spur werden, nämlich dann, wenn sie keine funktionale Bezeichnung darstellt, sondern eine eigene Botschaft hat. Wenn zum Beispiel ein Sprayer seinen Tag an eine Hauswand sprüht, dann hinterlässt er eine Spur, die mit dem Objekt nicht zusammenfällt. Dies ist aber bei den hier abgelichteten Dingen nicht der Fall.

Was ich damit sagen will: Es ist schade, dass die Ausstellung das Konzept der Spur so eng und so flach fasst. Spuren sind Hinterlassenschaften, die zeichenhaft auf ihre Erzeuger verweisen. Mir will scheinen, Häuser gehören dazu. Allerdings sind sie tiefere Spuren als die gezeigten. Das Gerhart-Hauptmann-Haus ist so eine Spur, die der Nobelpreisträger in Agnetendorf hinterließ, gleichgültig ob ein Schild davon kündet oder nicht. Das Schild „Gerhart-Hauptmann-Haus“ ist Erkennungshilfe der Spur für den Unkundigen, nicht die Spur selbst.

Hier schließe ich. Der nachdenkliche Leser wird die Verästelungen des Themas längst spüren und – je nach Neigung – ausarbeiten. Die Ausstellung zeigt, wie zwiespältig es ist, mit einer Vergangenheit zu leben, die nicht (mehr) die eigene ist. Hätte sie dies zum Thema gemacht, es hätte eine große Ausstellung werden können.

Redakteur

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04. Mai 2015, 22:42

Ankunft

Jetzt bin ich also in Agnetendorf. Stipendiat im Gerhart-Hauptmann-Haus. Meine Schreibklause liegt unterm Dach, ist großzügig bemessen, im Verhältnis dazu sparsam möbliert und war als ich ankam so aufgeräumt wie leer. Ich schleppte mein Gepäck über die Stiege nach oben, mehr um dem horror vacui etwas entgegen zu setzen, als um einzuziehen. Dabei fiel mir auf, dass ein Umzug meine geistige Produktion ins Stocken brachte. Ich konnte Haus, Zimmer und mein Hiersein in keinen irgendwie gearteten Zusammenhang bringen mit Jakob Böhme. Das Manuskript, an dem ich gestern noch gearbeitet hatte, lag weit hinter mir. Ich erinnerte mich nicht einmal, wie weit ich im Text gekommen war. Das konnte ja heiter werden!
Später lehnte ich mich gegen den drückenden Einfluss der ungewohnten Umgebung auf und spazierte in Touristenmanier durch den Park des Hauses. Guckte hier. Filmte da. Guckte wieder. Die Villa gab nach. Wir machten uns bekannt, die Villa und ich. Anschließend lief ich durch das menschenleere Haus (montags ist geschlossen) und die Bekanntschaft vertiefte sich. Von der Balustrade im ersten Stock überblickte ich das berühmte Foyer. Unter mir waberte Genie. Überhaupt wirkt das Haus und stellenweise auch der Garten/Park exaltiert auf mich. Ein Platz, um Verehrer zu empfangen. Es mag am Jugendstil liegen, der schwellenden Erotik, dem ausgestellten Ästhetizismus und der Inszenierung des Künstlergenies, dass ich mich ständig an Gustav Klimt erinnert fühle. Ja, ja, der Hauptmann und der Klimt, das waren schon zwei …
Damit stieg ich nach oben und räumte mein Zimmer ein. Ich legte alles mit Büchern und Zetteln voll, bis das Durcheinander vergleichbar war mit dem, was ich zuhause um mich herum gewöhnt bin. Und siehe da: Die Arbeit rief.

Inzwischen ist es dunkel und vor mir liegt die erste Nacht im Museum. Hoffentlich geht es gut!

Ankunft in Agnetendorf.png

Redakteur

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